Schwarz-Weiß-Porträt einer wütend schreienden Frau zum WEIB+WACH Artikel „Mut zur Wut“ – mobile Ansicht

Mut zur Wut

„Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin.“

Wut gehört zu uns. Sie ist eine unserer menschlichen Emotionen. Sie zeigt sich, wenn Grenzen überschritten werden, wenn etwas ungerecht ist, wenn wir verletzt werden, wenn etwas in uns aufsteht und sagt: Genug.

Und doch haben gerade Frauen gelernt, mit dieser Kraft vorsichtig zu sein. Das brave Mädchen wird nicht wütend. Es bleibt freundlich. Es schluckt herunter. Es erklärt. Es versteht die andere Seite. Es hält aus. Es kümmert sich. Und wenn die Wut so groß wird, dass ihre Energie irgendwohin will, findet das brave Mädchen erstaunlich oft einen Weg, noch etwas Nützliches daraus zu machen.

Es putzt. Es räumt auf. Es arbeitet. Es organisiert. Es funktioniert.

Das brave Mädchen ist nicht weniger wütend.
Es hat nur gelernt, mit seiner Wut noch etwas Nützliches zu tun.

Ich kenne dieses brave Mädchen gut. Als junge Mutter las ich Ute Ehrhardts Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin: Warum Bravsein uns nicht weiterbringt. Meine Tochter war gerade geboren. Dieses Buch erschien für mich genau zur richtigen Zeit. Beim Lesen dachte ich immer wieder: Die schreibt von mir. Damals wusste ich sehr deutlich, dass ich meine Tochter mit einem anderen Gefühl begleiten wollte. Frei von meinen eigenen Mustern war ich deshalb noch lange nicht. Manche davon begegnen mir selbst heute noch. Nur erkenne ich sie früher. Ich kann ihnen anders begegnen und habe aufgehört, mich dafür zu bewerten. Genau deshalb möchte ich Wut nicht zu einer weiteren Aufgabe unserer Selbstoptimierung machen.

Wir brauchen keine Frau, die jede aufkommende Wut sofort analysiert, achtsam betrachtet und so lange ihr Nervensystem reguliert, bis sie wieder angenehm für ihre Umgebung geworden ist.

Regulation bedeutet nicht Befriedung.

Manchmal braucht die Körperin Regulation. Manchmal braucht die Wut Raum. Manchmal braucht es ein klares Nein. Eine Grenze. Eine Entscheidung. Einen Schrei. Und manchmal dürfen wir schlicht anerkennen:

Ich bin gerade verdammt wütend.

Wir sind Frauen mit Ecken und Kanten, mit Geschichte und Prägungen, mit leisen und lauten Emotionen. Und unsere Wut gehört ebenso zu unserer Lebendigkeit wie Freude, Lust, Trauer und Liebe. In diesem Artikel geht es darum, die Wut wieder als eine wahrhaftige Kraft in uns anzuerkennen. Nicht darum, wie wir sie möglichst schnell wieder loswerden.

Das brave Mädchen trägt heute andere Kleider

Meine Generation ist mit einem ziemlich deutlichen Bild davon aufgewachsen, was ein braves Mädchen ausmacht. Freundlich sein. Sich benehmen. Rücksicht nehmen. Nicht zu laut werden. Nicht widersprechen. Keine Szene machen.

Viele jüngere Frauen sind mit anderen Botschaften groß geworden. Sie wurden ermutigt, selbstbewusst zu sein, ihre Meinung zu sagen, unabhängig zu werden und ihre Grenzen zu setzen.

Und doch ist das brave Mädchen nicht einfach verschwunden.

Es trägt heute andere Kleider.

Heute darf eine Frau selbstbewusst sein und soll dabei sympathisch bleiben. Sie darf Grenzen setzen möglichst souverän und gut formuliert. Sie darf wütend sein und soll ihre Wut reflektieren, angemessen kommunizieren und ihr Nervensystem regulieren.

Sie soll ihre Trigger kennen, ihre Muster hinterfragen, an sich arbeiten und Verantwortung für ihre Emotionen übernehmen. Vieles davon ist wertvolles Wissen. Selbstreflexion, Regulation und die Fähigkeit, die eigenen Prägungen zu erkennen, haben uns neue Räume eröffnet.

Doch auch wertvolles Wissen verändert seine Qualität, wenn daraus eine weitere Erwartung an die Frau entsteht.

Aus dem alten „Sei brav“ ist an manchen Stellen ein modernes „Arbeite an Dir“ geworden.

Die Form der Anpassung hat sich verändert. Der Auftrag zur emotionalen Kontrolle ist an vielen Stellen geblieben. Eine Frau darf wütend sein. Nur wütend aussehen, wütend klingen und sich wütend verhalten soll sie möglichst nicht. Und plötzlich stehen wir wieder vor einer Frau, die sehr viel Energie darauf verwendet, sich selbst zu beobachten und zu verändern.

    • Bin ich gerade getriggert?
    • Ist das wirklich meine Wut?
    • Welches Muster steckt dahinter?
    • Habe ich mich ausreichend reguliert?
    • Wie kommuniziere ich meine Grenze wertschätzend?

All diese Fragen haben ihren Platz. Doch wenn jede intensive Emotion reguliert werden soll, bevor wir ihr überhaupt begegnet sind, verlieren wir genau die Information aus dem Blick, die sie uns bringt.

Eine Emotion zu leben bedeutet nicht, sie ungefiltert an anderen Menschen auszuagieren. Zwischen Unterdrücken und Verletzen liegt ein weiter Raum. Dort darf Wut laut sein. Sie darf körperlich sein. Sie darf unbequem sein. Sie darf Grenzen verändern, Entscheidungen hervorbringen und Konsequenzen haben.

Und manchmal lautet die Wahrheit schlicht: Ich bin wütend, weil hier gerade etwas geschieht, das für mich nicht in Ordnung ist.

Dann braucht es keine bessere Version von uns. Dann braucht es unsere Wahrhaftigkeit.

Wenn Wut nützlich wird

Wenn Wut keinen unmittelbaren Ausdruck findet, ist ihre Energie damit nicht verschwunden. Die Körperin ist aktiviert. Etwas in uns will handeln, sich abgrenzen, widersprechen, weggehen, laut werden oder eine Situation verändern. Doch genau diese unmittelbare Bewegung haben viele Frauen früh zu kontrollieren gelernt. Also findet die Energie andere Wege.

Wir putzen, schrubben und räumen auf. Wir sortieren Schränke, arbeiten, organisieren, kochen oder gehen in den Garten und graben um. Manchmal erledigen wir in unserer Wut all das, was schon lange auf unserer Liste steht. Und danach geht es uns tatsächlich oft besser. Wir sind in Bewegung gekommen, die Aktivierung hat eine Handlung gefunden und die Körperin konnte etwas mit dieser Energie tun.

Spannend wird es dort, wo wir betrachten, was wir mit dieser Energie tun. Selbst in unserer Wut tun wir noch etwas Gutes. Die Wohnung ist sauber, die Arbeit erledigt, der Garten gemacht, die Familie versorgt. Die wütende Frau bleibt nützlich.

Das brave Mädchen ist nicht weniger wütend. Es hat gelernt, seine Wut in eine Handlung zu verwandeln, die niemanden stört und im besten Fall sogar allen anderen zugutekommt.

Die Küche darf nach zwei Stunden Wutputzen glänzen. Ein Teller an der Wand würde eine ganz andere Geschichte erzählen.

Es geht mir dabei nicht darum, dass wir nun unser Geschirr zerschlagen. Mich interessiert, weshalb uns die eine Form des Umgangs mit Wut so selbstverständlich erscheint und die andere sofort als Kontrollverlust gilt. Die eine stellt Ordnung her, die andere durchbricht sie.

Heute haben wir weitere Möglichkeiten. Wir kennen Atemtechniken, Meditation und Achtsamkeit. Wir beschäftigen uns mit Nervensystemregulation, kennen unsere Trigger, beobachten unsere Reaktionen und lernen, uns selbst wieder in einen regulierten Zustand zu begleiten. Vieles davon ist wertvolles Wissen und hat uns einen bewussteren Zugang zu unserer Körperin eröffnet.

Doch auch dieses Wissen darf kritisch betrachtet werden, sobald daraus ein neuer Auftrag entsteht: Mach etwas mit Deiner Wut, damit sie möglichst schnell wieder verschwindet. Dann putzen wir die Wut nicht mehr weg, sondern atmen, meditieren, analysieren und regulieren sie. Wir suchen das Muster dahinter, hinterfragen unsere Reaktion und überlegen, woran wir noch arbeiten dürfen. Schon sind wir wieder beschäftigt. Und diesmal nicht mit der Küche, sondern mit uns selbst.

Der Selbstoptimierungswahn hat das brave Mädchen nicht abgeschafft. Er bietet ihm nur neue Möglichkeiten, weiter an sich zu arbeiten.

Damit möchte ich Regulation keineswegs kleinreden. Es gibt Momente, in denen unsere Körperin Regulation braucht. Wenn die Aktivierung überwältigend wird und wir den Kontakt zu uns verlieren, unterstützt sie uns dabei, wieder Boden zu finden und handlungsfähig zu werden. Regulation darf uns zu uns zurückbringen.

Regulation bedeutet jedoch nicht Befriedung.

Sie hat nicht die Aufgabe, eine berechtigte Wut unschädlich zu machen. Nachdem die Küche geputzt, der Garten umgegraben, die Atemübung beendet oder das Nervensystem wieder ruhiger geworden ist, bleibt die entscheidende Frage: Was hat mich eigentlich so wütend gemacht?

    • Eine überschrittene Grenze wird durch Regulation nicht wieder heil.
    • Eine Ungerechtigkeit wird durch Meditation nicht gerecht.
    • Ein Nein verliert seine Wahrheit nicht, nur weil wir inzwischen wieder ruhig atmen.

Manchmal braucht unsere Körperin Regulation, damit wir unserer Wut wieder zuhören können. Und dann dürfen wir herausfinden, was diese Wut von uns fordert: eine Grenze, ein ausgesprochenes Nein, eine Auseinandersetzung, eine Entscheidung oder eine Veränderung. Oder eben das Loslassen in lauter Emotion.

Unsere Aufgabe ist nicht, um jeden Preis wieder angenehm zu werden. Wir dürfen lernen, unsere Wut zu regulieren, ohne sie dabei zum Schweigen zu bringen.

 

Wenn das Nein damals keinen Raum hatte

Wir können heute darüber sprechen, unserer Wut Raum zu geben, Grenzen auszusprechen und ein deutliches Nein stehen zu lassen. Doch es gab und gibt Situationen im Leben einer Frau, in denen genau das nicht möglich war.

Manchmal war Widerstand zu gefährlich. Manchmal fehlte die Möglichkeit zu gehen. Manchmal war eine Frau abhängig von einem Menschen, einer Familie oder einer Situation. Manchmal war sie noch ein Kind. Und manchmal war das Verstummen, Erstarren, Anpassen oder Funktionieren genau das, was ihre Körperin in diesem Moment zur Verfügung hatte.

Hier möchte ich behutsam werden. Es geht darum anzuerkennen, dass unsere Körperin auf Erfahrungen reagiert und Wege findet, uns durch Situationen hindurchzubringen, in denen unmittelbare Gegenwehr keinen sicheren Raum hatte. Mir ist wichtig, nicht vorschnell jede unterdrückte Wut als Trauma zu deuten oder körperliche Reaktionen im Nachhinein zu bewerten oder einzuordnen.

Das unausgesprochene Nein war trotzdem ein Nein. Die Grenze war trotzdem überschritten. Die Wut war trotzdem wahr.

Manche Wut erzählt deshalb von einem Nein, das damals keine Stimme und keine Handlung hatte.

Und manche Frau lernt erst viel später, dass sie ihr Nein nicht erklären, begründen oder so lange freundlich verpacken muss, bis ihr Gegenüber bereit ist, es anzunehmen.

NEIN ist ein ganzer Satz. Punkt.

Ein Nein braucht keine Rechtfertigung, um eine Grenze zu sein. Es verliert seine Gültigkeit nicht dadurch, dass ein anderer Mensch es nicht versteht, nicht mag oder sich eine andere Antwort gewünscht hat.

Ich habe diesen Zusammenhang in meiner eigenen Körperin erst viel später verstanden. Bessel van der Kolks Buch Verkörperter Schrecken begegnete mir zu einer Zeit, in der ich rückblickend auf Reaktionen meiner Körperin schauen und sie neu einordnen konnte. Das Wissen kam nach der Erfahrung.

Erst rückblickend verstand ich, dass meine Körperin längst gesprochen hatte.

Diese Erkenntnis hat meinen Blick verändert. Meine Aufmerksamkeit richtete sich auf andere Fragen: Was hatte meine Körperin wahrgenommen? Was hatte sie geschützt? Welche Grenze hatte damals keine Stimme bekommen?

Darin liegt für mich bis heute etwas sehr Würdevolles. Unsere früheren Reaktionen verdienen Anerkennung als Teil unserer Geschichte. Wir haben mit dem gelebt und gehandelt, was uns damals zur Verfügung stand. Heute stehen uns andere Möglichkeiten offen.

Auch deshalb möchte ich unserer Wut zuerst Aufmerksamkeit schenken. Sie darf gehört werden, bevor wir sie beruhigen, wegatmen oder in eine angenehmere Emotion verwandeln. So entsteht Raum für das, was damals keinen Ausdruck gefunden hat.

Was wollte meine Wut schützen? Diese Frage verlangt Zeit zur Reflexion. Sie öffnet einen Raum für die Körperin und für das, was sie uns zu erzählen hat. Sie darf gehört werden.

 

Wut braucht Raum

Wenn wir beginnen, unserer Wut zuzuhören, braucht es keinen vorgeschriebenen Weg, mit ihr umzugehen. Unsere Körperinnen reagieren unterschiedlich. Auch unsere Wut fühlt sich nicht jedes Mal gleich an. Manchmal ist sie heiß und drängend, voller Bewegung und Kraft. Ein anderes Mal liegt sie schwer in uns oder zeigt sich als Spannung, Unruhe und das deutliche Gefühl: Irgendetwas will hier endlich Raum bekommen.

Regulation darf uns dabei unterstützen, mit dieser Energie in Verbindung zu bleiben. Sie muss uns weder still noch sanft machen. Eine wütende Körperin darf rennen, stampfen, drücken, ziehen, tanzen, laut tönen oder fluchen. Hände dürfen Erde bearbeiten, Papier zerreißen, Ton zerdrücken oder etwas greifen und mit Kraft halten. Ein Nein darf so ausgesprochen werden, wie es sich in diesem Moment anfühlt.

NEIN ist ein ganzer Satz. Punkt.

Wir dürfen erleben, wie sich unsere Kraft anfühlt, wenn sie einmal nichts aufräumt, nichts pflegt, niemanden versorgt und kein Ergebnis hervorbringen soll. Gerade für Frauen, die ihre Wut lange in Leistung verwandelt haben, liegt darin eine ungewohnte Erfahrung: Die Energie darf einfach der eigenen Körperin gehören.

Genauso gibt es Momente, in denen die Körperin keine weitere Bewegung braucht. Dann darf Regulation still werden. Ich mag dafür eine sehr einfache Erfahrung mit Wasser teilen: Ein Handtuch liegt auf dem Rücken, während warmes Wasser darüber und durch das Gewebe fließt. Das Tuch wird nass und schwer. Mit dem Wasser darf die Schwere abfließen. Die Frau braucht nichts zu leisten. Sie steht und lässt geschehen.

Das nasse, warme Handtuch auf dem Rücken trägt dabei noch eine andere Qualität: Es fühlt sich an wie Gehaltenwerden. Während das Wasser weiterfließt, bleibt dieses Gefühl von Wärme, Gewicht und Halt auf der Körperin. Für mich trägt diese Erfahrung ein starkes Bild: die Last abspülen und dabei gehalten sein.

Zwischen Rennen und Stillstehen, zwischen einem lauten Nein und dem Wasser auf dem Rücken liegt ein großer Raum. Wir brauchen daraus keinen neuen Katalog für die richtige Regulation zu machen. Entscheidend bleibt die Wahrnehmung: Was braucht meine Körperin mit dieser Wut gerade wirklich?

Manchmal braucht sie Bewegung. Manchmal Ruhe. Manchmal Lautstärke. Manchmal Rückzug. Manchmal eine andere Frau, die da ist und unsere Wut aushält, ohne sie kleiner zu machen oder sofort eine Lösung anzubieten. Und manchmal braucht die Wut überhaupt keine Regulation. Sie braucht ihren Moment. Sie darf da sein, heiß und unbequem, mit all ihren Ecken und Kanten.

Wut darf erst einmal Wut sein.

Wir können nicht immer Handschmeichler für unser Umfeld sein.

Unsere Lebendigkeit hat Ecken und Kanten. Sie kennt Widerstand, Wut und die Kraft, etwas entschieden von uns zu weisen. Darin berühren wir auch etwas von unserer weiblichen Urkraft. Eine Kraft, die sich nicht glätten und befrieden lässt. Sie erinnert uns daran, dass Weiblichkeit neben Zärtlichkeit, Hingabe und Verbundenheit auch Wildheit, Widerstand und Entschiedenheit in sich trägt.

Für den Moment bleiben wir bei unserer eigenen Wut und bei der Erfahrung, dass auch sie zu uns gehört.

Cover von WEIB+WACH Ausgabe 2 – Magazin für weibliche Tiefe

Aus dem Magazin WEIB+WACH

Dieser Artikel ist Teil der Ausgabe 02/26 des Magazins
WEIB+WACH – Magazin für weibliche Tiefe.

Mit jeder Ausgabe öffnet sich ein neuer Raum für weibliche Erinnerung, Körperinnenwissen und gesellschaftliche Wachheit.

Ein ausgewählter Artikel jeder Ausgabe ist frei zugänglich.
Die vollständige Ausgabe ist im WEIB+WACH Shop erhältlich.

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